von Frank Nord (Autor) am

Videospiele sind keine Kunst? Sind sie doch! Und The Vanishing of Ethan Carter ist ein beeindruckendes Beweismittel dafür. The Astronauts gehen gerade im Bereich des Storytellings einen neuen und mutigen Weg, der sich mehr als auszahlt.

Die Geschichte von Ethan Carter ist eine Mischung aus Horror, Mystery und Drama, die ihren Platz ebenso in einem Buch oder Film hätte finden können. In der Vergangenheit hat es viele Versuche gegeben, diese Genres zu vermischen. Doch es mangelte oft an einem wichtigen Punkt: der Immersion. Und da spielen die Entwickler bei The Astronauts ihre Karten zielgerichtet aus.

Inspiriert wurden die Entwickler beim Storytelling durch die Kurzgeschichte An Occurance at Owl Creek Bridge (1891) des amerikanischen Schriftstellers Ambrose Bierce (1842-1914).

Von dem Moment an, in dem man das Red Creek Valley durch einen dunklen Tunnel betritt, ist man auf sich alleine gestellt.Ein hoher Grad an Immersion

Immersion ist kein Wort, mit dem ich in Bezug auf Videospiele leichtfertig umgehe, aber sie ist der Schlüssel zum Erfolg von The Vanishing of Ethan Carter. The Astronauts legen ein Spiel vor, welches den Spieler in seinen Bann zieht und den Entdeckungsdrang weckt.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass die Handlung sich in ihren Grundzügen bereits vollzogen hat. Der junge Ethan Carter ist verschwunden und hat den übersinnlich begabten Detektiv Paul Prospero mittels Brief zu Hilfe gerufen.

Welches Geheimnis umgibt das Red Creek Valley?
Welches Geheimnis umgibt das Red Creek Valley?

In der Rolle von Prospero muss der Spieler die Hinweise auf das Verschwinden von Ethan zusammensetzen, kann dies aber in seinem ganz eigenen Tempo erledigen. Es gibt keine Timer, die den Spieler drängen oder eine festgeschriebene Abfolge von Aufträgen oder Ereignissen, die es zu erledigen gilt.

Bereits zu Beginn des Spiels kommt eine Einblendung, die den Spieler darauf hinweist, dass es ihm nicht die Hand halten wird. Und das ist kein leeres Versprechen, denn es gibt weder Hinweise zur Steuerung noch zum weiteren Vorgehen.

Von dem Moment an, in dem man das Red Creek Valley durch einen dunklen Tunnel betritt, ist man auf sich alleine gestellt. Insgesamt zehn Rätsel wird es zu lösen geben, bis man das Mysterium um Ethans Verschwinden herleiten kann. Und dieser Weg kann beschwerlich sein, denn das komplette Areal ist von Beginn an offen.

Somit kann der Spieler in jeden Winkel der Spielwelt eintauchen und jede noch so kleine Ecke untersuchen. Da sind verlassene Häuser, die es zu erkunden gilt, in denen man in jedem Stockwerk das Gefühl hat, dass sich etwas Schreckliches dort abgespielt haben muss.

Zwar ist die Spielwelt nicht riesig, weist aber einen beinahe absurd hohen Grad an Detailverliebtheit auf.Doch da sind auch die weitläufigen Waldgebiete, in denen man viel Zeit verbringen kann, ohne dort jedoch etwas zu finden. Theoretisch könnte der Spieler direkt zum Ende laufen, würde dort jedoch ohne die gelösten Rätsel keinen Abspann sehen können, bis er das Areal wieder durchkämmt und die offenen Rätsel löst.

Diese Freiheit war am Anfang etwas befremdlich, aber je mehr Zeit man mit The Vanishing of Ethan Carter verbringt, desto sensibler werden die Sinne für die Umgebung und die Orte, in denen die Handlung spielt. Liest man die Hinweise der Umgebung richtig, wird man Rätsel um Rätsel lösen können.

Im Gegenzug stellt diese offene Welt den Spieler aber auch vor Probleme. Hat man ein Rätseln am Anfang nicht lösen können, muss man weite Strecken zurücklegen, um dies nachzuholen. Wer nicht auf Anhieb alle Rätsel richtig löst, wird mit einer Menge Backtracking konfrontiert.

Dem Geheimnis auf der Spur

Die Rätsel in The Vanishing of Ethan Carter sind nicht besonders schwer, aber es ist herausfordernd, deren Lösung herbeizuführen. Wie eingangs erwähnt: Es gibt kein Tutorial und man muss sich die komplette Steuerung selbst erschließen.

Jeder Hinweis ist von Bedeutung
Jeder Hinweis ist von Bedeutung

Zum Glück hat Prospero übersinnliche Fähigkeiten, was dem Spieler häufig hilft, die notwendigen Teile zu erschließen. Schauen wir uns dazu ein Beispiel an.

In der Frühphase des Spiels bin ich über eine Leiche gestolpert, die neben den Bahngleisen lag. Die Beine des Mannes waren abgetrennt und eine Blutspur führte vom Leichnam zu den Schienen. Die Ursache des Todes war leicht herzuleiten: Die Beine des Leichnams wurden durch einen vorbeifahrenden Zug abgetrennt. Die Schwierigkeit ist nun, dass Prospero die Umgebung absuchen muss, um Hinweise für den genauen Tathergang zu sammeln.

Ist dieser Schritt erfolgt, muss man alle Indizien zusammensetzen, bis der genaue Tathergang offengelegt ist. Sind alle Indizien zusammengetragen, muss man noch die Reihenfolge festlegen, ein Vorgang, der häufig schwieriger ist als zunächst gedacht. Was simpel klingt, ist in der Praxis eine aufwendige Suche nach Indizien, denn jeder Stein, jeder Gegenstand könnte in den Ablauf der Tat verwickelt gewesen sein.

Wer die TV-Serie von David Lynch und Mark Frost kennt, wird sich zwangsweise in einigen Passagen an Twin Peaks erinnern.Und das ist auch das Meisterwerk, das über allem stehende Moment an The Vanishing of Ethan Carter - die Erzählperspektive. Denn der Spieler hat nicht das Gefühl, dass sich die Geschichte um ihn dreht. Die Welt würde auch ohne ihn funktionieren. In der Rolle des Paul Prospero ist man ein Eindringling in eine Welt, die auch ohne sein Zutun lebendig wäre.

Eine wundervolle Umgebung

Es ist keine Überraschung, dass die Entwickler den Fokus auf die Umgebung legen. Obwohl das Spiel die Seele eines Indie-Games hat, kommt es mit einem Look daher, welchen sogar viele AAA-Titel vermissen lassen. Zwar ist die Spielwelt nicht riesig, weist aber einen beinahe absurd hohen Grad an Detailverliebtheit auf.

Viele Computer werden durch den hohen Detailgrad in die Knie gezwungen. Aber keine Sorge: The Vanishing of Ethan Carter sieht auch sehr gut aus, wenn man auf maximale Settings verzichtet. Wir empfehlen euch aber, die Settings so hoch wie eben möglich einzustellen, um in den vollen Genuss dieses Spiels zu kommen. Denn jeder Meter in Red Creek Valley ist sorgfältig und liebevoll gestaltet. Wer sich von der tollen Umgebung selbst überzeugen möchte, sollte sich dringend das unten eingebundene Video ansehen sowie die weiteren hier verlinkten Videos.

Das Wunderbare an The Vanishing of Ethan Carter ist, dass jeder Gegenstand im Spiel eine Daseinsberechtigung hat und nicht einfach existiert. Alles passt ineinander und verwebt sich zu einer dichten Geschichte, die den Spieler emotional bindet.

Für mich ist The Vanishing of Ethan Carter ein ernstzunehmender Kandidat für das Spiel des Jahres.In einigen Rezensionen wurde dem Spiel vorgeworfen, die Umgebung sei leer, da man auf keine anderen Menschen trifft. Kennt man das Ende nicht, wird man diese Meinung evtl. teilen können. Hat man das Ende jedoch erreicht, wird man diese leere Welt nachvollziehen können und alles ergibt wieder einen Sinn.

Wer die TV-Serie von David Lynch und Mark Frost kennt, wird sich zwangsweise in einigen Passage an Twin Peaks erinnern. Die gesamte Spielwelt ist ein Geheimnis und die Suche nach Ethan Carter gestaltet sich ähnlich mysteriös wie die Suche nach Laura Palmer durch den FBI-Agenten Dale Cooper.

Nicht jeder wird glücklich werden

Ethan Carter macht in vielen Bereichen – und das lässt sich nur schwer abstreiten – viele Dinge anders und vor allen Dingen richtiger als andere Spiele. Die Freiheit, die dem Spieler zugestanden wird, ist aber Fluch und Segen zugleich. Denn nicht jeder Gamer kann die Geduld aufbringen, jeden einzelnen Pixel zu untersuchen und eine derart offene Umgebung auf sich wirken zu lassen.

The Vanishing of Ethan Carter ist kein Spiel für Spieler, die sich stets in Sicherheit wiegen wollen, den richtigen Weg zu gehen. Im Vergleich zu anderen Spielen drängen die Entwickler den Spieler in keine Richtung, jeder wird das Spiel anders spielen und seinen eigenen Weg finden. Das völlige Ausbleiben von Missionszielen oder Arbeitsaufträgen weckt vielleicht nicht bei jedem den Entdeckungsdrang.

Spielerische Freiheit: Fluch und Segen zugleich
Spielerische Freiheit: Fluch und Segen zugleich

Das Ende – Wilde Diskussionen

...das über allem stehende Moment an The Vanishing of Ethan Carter - die Erzählperspektive.Das Spieldesign lässt viele Freiheiten, so auch das Ende. Denn auch hier lässt Entwickler The Astronauts dem Spieler den Interpretationsraum, um eigene Gedanken geltend zu machen. In der Tat drängt The Vanishing of Ethan Carter dem Spieler sein Ende nicht auf und ist offen für Interpretationen.

Die einzelnen Versatzstücke lassen sich zwar logisch zu einem Gesamteindruck zusammensetzen, lassen den Spieler aber mit einigen offenen Fragen zurück. Schlimm ist das nicht, denn somit setzt man sich auch nach dem Abspann noch einmal mit dem Spiel auseinander oder wagt einen zweiten Durchgang.

Generell ist es als erfreulich anzusehen, dass The Astronauts dem Spieler diesen Interpretationsspielraum zugestehen. Man darf hoffen, dass in Zukunft auch andere Entwickler in ihren Produktionen das Ende nicht mit dem Vorschlaghammer einläuten und darbieten.

Fazit

Es gibt so viel mehr über The Vanishing of Ethan Carter zu berichten, was aber in Anbetracht von drohenden Spoilern in dieser Kritik keinen Platz finden kann. Das Spiel ist ein Beweis dafür, dass das Medium Videospiel eine Story besser erzählan kann als alle anderen Medien, da der Spieler nicht nur rezipieren, sondern auch handeln muss. Wer sich für Storytelling in Spielen interessiert, wird um Ethan Carter keinen Bogen machen können. Für alle anderen Gamer ist es ebenso ein Must-have, sei es in technischer oder spielerischer Hinsicht. Für mich ist The Vanishing of Ethan Carter ein ernstzunehmender Kandidat für das Spiel des Jahres.

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