von Frank Nord (Autor) am

Assassin's Creed in Mittelerde, gespickt mit einem Schuss Batman. Soweit die Vorurteile nach den ersten Veröffentlichungen zu Mittelerde: Mordors Schatten. Doch die finale Version des Spiels räumt mit diesem Vorurteil auf, denn es ist weit mehr als eine müde Blaupause anderer Titel und setzt in einigen Bereichen sogar neue Maßstäbe.

Nach dem Einstellen der Optionen und dem Überwinden des Startbildschirms findet man sich direkt inmitten einer dramatischen Szene wieder. Talion, der Hauptcharakter des Spiels, ist ein Ranger und Beschützer des Schwarzen Tores, welches Mordor vom Rest Mittelerdes abgrenzt. In der Eröffnungsszene wird sein Außenposten von den Orks (oder Uruks) überrannt und Talion wird mit seiner Frau und seinem Sohn im Rahmen eines dunklen Rituals hingerichtet. Der Tod verstößt Talion jedoch und somit findet er sich wiedergeboren an der Seite eines alten und mysteriösen Geistes wieder. Getrieben vom Gedanken nach Rache, beginnt Talion sich seinen Weg durch die Orkherden zu bahnen. Die Handlung ist zwischen Der Hobbit und Der Herr der Ringe angesiedelt.

Auch alte Bekannte des Franchise sind dabei
Auch alte Bekannte des Franchise sind dabei

Das Nemesis-System

"Schmiede deine Rache"-TrailerIn den meisten Spielen dieses Genres hat man es mit stets gleichen Widersachern zu tun, die das gleiche Model haben und auch ähnlich reagieren. Das Nemesis-System, welches zunächst wie ein Gimmick erscheint, hilft jedoch dabei, eine lebendige und abwechslungsreiche Welt zu generieren. Die Uruks in Mittelerde: Mordors Schatten reagieren smart und haben ihre eigene Persönlichkeit. Besonders gut umgesetzt ist die automatische Namensgenerierung der Uruks, was dem Spieler bei einem zweiten oder dritten Durchgang nicht das Gefühl vermittelt, eine Blaupause des ersten Durchgangs abzuspulen.

Die Uruks sind in einer hierarchischen Gesellschaftsform organisiert und somit gibt es Soldaten, Fürsten, Hauptmänner, etc. Diese Kommandokette reagiert auf das Einwirken des Spielers, indem gefallene Uruksfürsten, die durch den Spieler ums Leben gekommen sind, ein Machtvakuum hinterlassen. Die verbleibenden Uruks versuchen dann, dieses Vakuum zeitnah zu füllen, indem niedrigere Ränge aufsteigen können. Fällt der Spieler dagegen einem Uruk zum Opfer, wird dessen Reputation in der Kommandokette erhöht, was häufig in einem Putsch gegen den amtierenden Hauptmann endet.

Zitate aus "Herr der Ringe"
Galadriel: "Selbst der Kleinste vermag den Lauf des Schicksals zu verändern."

Gandalf: "Das tun alle, die solche Zeiten erleben, aber es liegt nicht in ihrer Macht, das zu entscheiden. Wir müssen nur entscheiden, was wir mit der Zeit anfangen wollen, die uns gegeben ist."

Arwen: "Ich möchte lieber ein einziges Leben mit dir verbringen, als alle Zeitalter der Welt allein zu durchleben. Und so wähle ich ein sterbliches Leben."

Legolas: "... Die Werke der Menschen werden uns überdauern, Gimli."

"Und doch wird nichts dabei herauskommen, denke ich, als lauter Hätte-sein-können", sagte der Zwerg.

Gimli: "Wirf mich."

Aragorn: "Was?"

Gimli: "Wirf mich. Das ist zu weit für mich, also wirf mich... sag aber dem Elben nichts davon"

Legolas: "Ich könnte dir beschreiben was passiert oder eine Kiste holen."
Das Nemesis-System regiert auf das Spielverhalten des Spielers, funktioniert aber auch ohne sein Eingreifen. Häufig kommt es vor, dass rivalisierende Uruk-Hauptmänner sich gegenseitig angreifen, um einen Machtkampf auszutragen. Bemerkt Talion diese Kämpfe, kann er dahingehend auf die Konfrontation einwirken, dass der schwächere Uruk diesen Kampf gewinnt, um dadurch wieder Vorteile für sich selbst zu erzielen. Manchmal passiert es auch, dass man einen Uruk angreifen möchte, dieser aber wenige Sekunden vor dem Angriff von einer umherstreifenden Bestie attackiert wird. Der Spieler kann dann entscheiden, ob er die Bestie erlegt, um sich selbst dem kampf zu stellen, oder ob er das Biest den Job machen lässt. In diesem Punkt spielt das Nemesis-System seine ganze Stärke aus, denn die Spieltwelt erscheint dadurch lebendig und es entstehen ständig neue Situationen. Dynamisch generierter Content ist das Ziel vieler Spiele, die jedoch meistens mit vorgefertigten Vorlagen hantieren. Mittelerde: Mordors Schatten dagegen schafft es, die Spielwelt nicht konstruiert, sondern lebendig erscheinen zu lassen.

Die automatisch agierende Gesellschaftsstruktur mit allen ihren hierarchischen Ebenen ist aber nur die eine Seite des Nemesis-Systems. Es sorgt nämlich ebenso dafür, dass die Spielwelt Beziehungen zwischen Uruks und Talion herstellt. Ein Beispiel: Während einer Mission bin ich auf einen Kapitän der Uruks aufmerksam geworden, griff ihn an und habe ihn am rechten Auge verletzt. Bei einem späteren Aufeinandertreffen mit eben diesem Uruk fiel mir auf, dass er über dem verletzten Auge eine Augenklappe trug. Zudem forderte mich der Widersacher zum Kampf auf und forderte Rache.

Ein anderes Beispiel: Überzeugt von meiner Stärke griff ich einen Urukführer an, der sich aber in allen Belangen überlegen zeigt, was mir nur noch die Option der Flucht ließ. Im späteren Spielverlauf traf ich den Urukführer wieder, welcher mich daraufhin als Feigling verspottete. Durch diese Beziehungen wirkt das Spiel um ein Vielfaches lebendiger als viele seiner Genre-Vorgänger, die Welt fühlt sich fleischig an, griffig und real, was dazu führt, dass der Spieler während des Spielens gänzlich mit der Umgebung verschmilzt. Natürlich bezieht sich das Nemesis-System nicht auf alle Uruks, sondern auf diejenigen, die in der Kommandostruktur einen Rang haben. Dennoch macht es einen guten Job und sorgt für reichlich Atmosphäre.

Zu allen diesen positiven Merkmalen gesellt sich noch, dass beinahe jeder Uruk eigene Stärken und Schwächen hat, mit denen Talion sich auseinander setzen muss. Manche Uruks rennen sofort weg, wenn sie Talion sehen, andere wiederum stellen sich sofort dem Kampf. Manche Uruks sind empfindlich gegen Feuer, andere gegen Frost oder Magie. Überhaupt gibt sich Mittelerde: Mordors Schatten die Mühe, jede Konfrontation als besonders und erinnerungswürdig zu inszenieren.

Das Kampfsystem gehört zu den Stärken des Spiels
Das Kampfsystem gehört zu den Stärken des Spiels

Das Kampf- und Runensystem

In Mittelerde: Mordors Schatten wendet Monolith sich vom klassischen Lootsystem ab, was dem Genre sichtlich gut zu Gesicht steht. Peinliche Momente bleiben somit erspart: Ein Wildschwein, was Münzen droppt? Nein, das findet man in Mittelerde nicht. Ebenso bleiben einem skurrile Momente erspart, in denen man sich einem normalen Zauberer stellt, der einen mit einem Stab attackiert, dann aber ein legendäres Schwert fallen lässt. Die Uruks in Mittelerde sind zu einem überwiegenden Teil nicht lootbar. Das ist aber nicht weiter schlimm, da sich der Spieler somit mehr mit den anderen Aufgaben beschäftigen kann.

Zu Beginn des Spiels trägt Talion drei Waffen bei sich: Ein Bogen für den Fernkampf, ein Dolch für den heimtückischen Nahkampf und ein Schwert für den direkten Kampf Mann gegen Mann. Diese Waffen wird Talion auch bis zum Ende des Spiels behalten. Was zunächst langweilig klingt, ist in Wirklichkeit mit einem raffinierten Runensystem flankiert worden. Durch neue Levelstufen erhält Talion neue Fähigkeiten, die er im Kampf gegen die Uruks einsetzen kann.

Mit Bogen, Dolch oder Schwer! Auf in den Kampf!
Mit Bogen, Dolch oder Schwert in den Kampf!
Zudem gibt es eine Ressource namens Marian, mit deren Hilfe man seine Stats wie zum Beispiel Gesundheit, etc. aufwerten kann. Erhält man den Wert Macht aus einem direkten Duell mit einem Kapitän oder Hauptmann der Uruks, kann diese gegen Runen eingetauscht werden. Runen können dann an den Waffen angebracht werden und diese verstärken. Dabei sind ganz verschiedene Kombinationen von Runen denkbar, die auch in vielen Kombinationen miteinander verknüpft werden können. Spieler, die weniger auf Stealth-Action stehen und sich lieber direkt in den Kampf mit mehreren Widersachern stürzen, sollten auf jeden Fall die Rune einsetzen, die Talion nach der Tötung eines Gegners wieder mit vollem Leben versieht, denn auf lange Sicht können nur dadurch Kämpfe gegen zehn und mehr Urukus gewonnen werden.

Sowohl der Fähigkeiten- als auch der Runenbaum sind sehr mächtig und umfangreich und nötigen dem Spieler einige Stunden Spielzeit ab, um komplett erschlossen zu werden. Als Belohnung bekommt man jedoch einen starken Helden, der sich auch in den größten Kämpfen bewähren kann. Stirbt man, ist das zwar ärgerlich, fordert einen aber zur persönlichen Vendetta gegen den Schlächter heraus.

Die Story

Das Spieldesign bildet ein starkes Fundament von Mittelerde: Mordors Schatten. Doch was ist mit der Story bzw. der Narration? Es gibt eigentlich zwei Arten von Spielen: Spiele, die dem Spieler eine Story an die Hand geben und Spiele, die dem Spieler die Möglichkeit einräumen, eigene Stories zu entwickeln. Nur selten werden beide Ebenen vermischt und wenn, dann oft mit mangelndem Erfolg. In diesem Bereich stellt das Spiel eine absolute Rarität dar, denn es erfüllt beide Ebenen voll und ganz. Im Verlaufe der geskripteten Story wird der Spieler auf jede Menge toller Momente treffen, viele tolle Momente wird er aber auch durch das Nemesis-System erleben in Momenten, die von den Entwicklern selbst nicht für die Story vorgesehen waren.

Wer dem Spiel eine leere Spielwelt vorwirft, sollte sich der werkimmanenten Logik des Stoffes bewusst werden.

Generell folgt Mittelerde: Mordors Schatten der Vorlage der klassischen Heldenreise: Der Held, in diesem Fall Talion, wird aus seiner gewohnten und alltäglichen Welt herausgerissen und muss sich zahlreichen Aufgaben stellen, um am Ende den Schatz, die Erlösung oder die Liebe zu finden. Nicht fehlen darf dabei natürlich die Rolle des Mentoren, die durch den zunächst zwielichtigen antiken Geist ausgefüllt wird. Es sind aber auch die zahlreichen Subplots, die dem Spiel eine tolle Tiefe geben. Da ist Talions tote Frau, die sich ein Leben abseits der Mauer erhoffte, um Frieden mit ihrer Familie abseits des Krieges zu finden. Da ist Talions toter Sohn Dirhael, der ein großer Kämpfer werden wollte, dann aber feige von den Ritualisten der Uruks hingerichtet wird.

Die Kritik vieler Kollegen, die dem Spiel eine fehlende Story vorwerfen, kann an dieser Stelle definitiv nicht geteilt werden. Mittelerde: Mordors Schatten transportiert seine Geschichte nicht offensiv wie ein Metal Gear Solid in stundenlangen Videosequenzen, noch findet man in Mittelerde Tonaufzeichnungen (das wäre auch blöd in Anbetracht der Zeit, in der das Spiel stattfindet), wie es in vielen anderen Spielen der Fall ist. Nein, das Spiel transportiert seine Geschichte in den zahlreichen Dialogen, die der Spieler während seines Streifzuges durch Mittelerde unternimmt. Man trifft Uruks, die sich über vergangene Schlachten austauschen, Sklaven, die ihr Leid klagen und von besseren Zeiten schwärmen. Zudem gibt es eine Menge alter Relikte in Mittelerde zu finden, die Fragmente einer Geschichte transportieren, die sich Ende wieder logisch zusammenfügt.

Außerdem bewegt man sich fortwährend im Universum von Der Herr der Ringe und kundige sowie aufmerksame Spieler werden eine dicke Portion Sidekicks finden und historische Regionen entdecken könne. Und zu guter letzt ist da immer noch Gollum, der auch eine nicht zu verachtende Story-Komponente für sich einnimmt. Wer sich also Zeit für das Spiel lässt und sich auf die Umgebung einlässt, wird eine tolle Spielerfahrung bekommen. Versprochen!

Der einzige Vorwurf, den sich Entwickler Monolith gefallen lassen muss, ist die Trauerverarbeitung des Helden, denn um noch mehr Spieltiefe zu generieren, hätte man ihn an der ein oder anderen Stelle gerne mit seiner schmerzhaften Vergangenheit konfrontiert gesehen. Und am Ende des Spiels fragt man sich, ob Talion überhaupt noch selbst weiß, warum er seine gefährliche Reise angetreten hat.

Wer dem Spiel eine leere Spielwelt vorwirft, sollte sich der werkimmanenten Logik des Stoffes bewusst werden. Und auch Vergleiche zu Grand Theft Auto von Rockstar Games hinken hier gewaltig. Denn während Grand Theft Auto sein Setting in einer Großstadt ansiedelt, die lebt, atmet und pulsiert, siedelt Mittelerde: Mordors Schatten seine Geschichte in einer leblosen Gegend an, die von Uruks, Staub und Schmutz dominiert wird. Eine lebendige Welt würde nicht zum Plot und auch nicht zur Umgebung des Spiels passen. Auch wenn man sich an der ein oder anderen Stelle etwas mehr Flora und Fauna gewünscht hätte, hat Monolith viele Dinge richtig gemacht.



Was hat es mit dem alten Geist auf sich?
Was hat es mit dem alten Geist auf sich?

Grafisch solide, kein Zauber

Da es sich bei Mittelerde: Mordors Schatten um einen Multiplattform-Titel handelt, der seinen Weg auch noch auf die Playstation 3 und die Xbox 360 geschafft hat, waren die Entwickler bei der Entwicklung natürlich zahlreichen Einschränkungen unterworfen. Bei unserer Testversion für die Playstation 4 konnte man in einigen Arealen verwaschene Texturen erkennen, die über das Niveau einer Playstation 3 oder Xbox 360 auch nicht herauskommen. Zudem bleiben Details auf der Strecke und gerade im Bereich Next-Gen hätte man sich etwas mehr erhofft. Dennoch trübt die Grafik zu keiner Sekunde den Spielspaß. Man kann (übertrieben) den Vergleich zu einer VHS-Kassette ziehen, denn das darauf aufgenommene Material sieht nicht toll aus; ist das Material aber gut, gewöhnt man sich schnell an die Qualität und es ist einem im Endeffekt auch egal, denn die inhaltliche Qualität des Produktes zählt. Und genauso ist es auch bei Mittelerde: Mordors Schatten: Keine grafische Bombe, aber technisch und inhaltlich vorbildlich. Die technische Stärke zeigt sich auch gerade darin, dass das Spiel auch in Kämpfen mit 20+ Uruks nicht einknickt und die Frameraten droppen. Besonders lobenswert sind die Lichteffekte, wo die Engine richtig punkten kann. Kommt Talion aus einer dunklen Höhle und sieht die Sonne durch den Eingang schimmern, sieht das nicht nur bombastisch aus, sondern transportiert auch eine tolle Stimmung.

Im Gegensatz zur Umgebung sind die Charaktere sehr liebevoll und detailliert gestaltet. Talion und auch die Uruks sehen toll aus und wenn ihre Umhänge im Wind wehen oder schwer und durchnässt vom Körper hängen, kann man die zuvor genannten Einschränkungen getrost vergessen.

Fazit

Mittelerde: Mordors Schatten ist einer der besten AAA-Titel, der bisher für die Next-Gen-Konsolen erschienen ist. Obwohl das Spiel das Genre nicht neu erfindet und gekonnt Anleihen bei anderen Franchises wie Assassin’s Creed oder Batman nimmt, macht es verdammt viel richtig und stellt die richtigen Komponenten zusammen. Auch wer kein Fan des Der Herr der Ringe-Universums ist, wird sich wohlfühlen, alle Fans des Franchise erhalten das beste Spiel, was es in dieser Serie gibt. Mittelerde: Mordors Schatten ist eine tolle Spielerfahrung, die gegenwärtig konkurrenzlos ist. Trotz der (wenigen) genannten Einschränkungen ist das Spiel ein bombastisches Feuerwerk.

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